Interview

Mehr Holz am Bau ist aktive Wirtschaftsförderung

Auch Waldeck-Frankenberg kann noch mehr davon profitieren

Von Diana Wetzestein

15. November 2016_Korbach. Brandschutz ist im Kreishaus immer ein aktuelles Thema. Vor allem, wenn es um öffentliche Bauvorhaben geht, spielt Sicherheit eine wichtige Rolle. Zertifikate und Nachweise werden verlangt, die Anforderungen an Brandschutzkonzepte entwickeln sich ständig weiter. „Die Ansprüche an die Baumaterialien wachsen, da ist es wichtig, dass die Planer und Bauherren alle aktuelle Informationen über den Baustoff Holz bekommen, um ihn dort einzusetzen, wo es möglich ist“, sagt Jens Deutschendorf (B90/GRÜNEN), Erster Kreisbeigeordneter (EKB) im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Der Brandschutz ist immer ein aktuelles Thema, das als Gegenargument zu Holz am Bau oft vorschnell herangezogen wird. Das Holzbau Cluster Hessen (HCH) könnte dabei helfen, die aktuellen Forschungsergebnisse über Holz oder neueste Zertifikate schneller bei Planern und Gebäudemanagern ankommen als bisher. „Wir brauchen direkte Ansprechpartner für bestimmte Fragen, das könnte bestehende Hürden abbauen“, so Deutschendorf.

Bildunterschrift: Im Eingangsbereich des Kreishauses macht Andreas Pockrandt mit einem Modellkasten auf die wichtige Arbeit der Feuerwehr aufmerksam und hat gleichzeitig die größte Angst der Menschen sichtbar gemacht.

 

Für diese Art schnellen Wissenstransfer setzt sich Heinz Moering, Projektkoordinator des HCH, ein. Er will die Akteure zusammenbringen, möchte, dass sie sich und das Know-how jedes einzelnen besser kennenlernen. Bereits die Technische Hochschule Mittelhessen, mit einem Lehrstuhl für Holzbau in Gießen, könne die dort vermittelte Theorie direkt an die Praktiker weitergeben, sagt Moering. „Für kleinere Handwerksbetriebe oder die Verantwortlichen der Bauämter stellt es sich als schwierig heraus, die aktuellen Daten zeitnah zu bekommen und daraus Angebote zu machen, die im Wettbewerb mithalten können“, so Moering. Die großen Firmen wie Ante Holz oder Fingerhaus verfügten über derlei Informationen, weil es die Betriebsstrukturen hergeben.

Ein optimierter Wissenstransfer soll ab Februar 2017 durch das Seminar „Holzbau vor Ort“ in Wetzlar starten. Dort sollen Brandschutzdiensten, Gebäudemanagern, Architekten, Planern und Handwerkern die neuesten Erkenntnisse dargestellt und mit über die direkte Anwendung diskutiert werden. „Es wird komprimierte Informationen für alle geben, die sofort in der Praxis Anwendung finden können“, so Moering.

Der inhaltliche Ansatz des HCH hatte auch Deuschendorf überzeugt. Über den Landkreis hinaus sollen die Akteure zu vernetzt, die Forschungsergebnisse präsentiert und Partner gefunden werden, die zusammen weiterarbeiten. „Da müssen wir mit dabei sein“, sagt der EKB. Seit Ende 2015 besteht die Mitgliedschaft durch Wirtschaftsförderung und Regionalmanagement des Landkreises. Dort sollen alle Instrumente genutzt werden, um den wertvollen Rohstoff nach vorn zu bringen. Davon könnte auch die Waldeckische Domanialverwaltung profitieren. Der kommunale Eigenbetrieb mit 19.000 Hektar Sondervermögen aus forstwirtschaftlichem Besitz, zählt zu den größten kommunalen Waldbesitzern in Deutschland. Knapp 50 Arbeitsplätze sind dort verankert, 70 Prozent der Gesamterträge kommen aus der Forstwirtschaft. Diese werden auch für die Erhaltung der Schlösser in Bad Arolsen, Waldeck, Höhnscheid, Landau und Rhoden gebraucht, aber auch in andere Gebäude investiert, die für den technischen und gastronomischen Bereich notwendig sind. Bei einem Vermögen von etwa 50 Millionen Euro ist man innerhalb der Forstwirtschaft ökologisch ausgerichtet und nach den PEFC-Kriterien für nachhaltigen Waldabbau zertifiziert. Vor allem werde nicht mehr Holz geerntet, als aufgeforstet, sagt Deutschendorf. Dass dieser Eigenbetrieb auch Überschüsse abwerfe, die an die Städte, Gemeinden und Landkreis ausgeschüttet würden, habe man einer guten Geschäftsführung und der Zusammenarbeit mit Hessen-Forst zu verdanken. Die Holzbauquote zu erhöhen, wäre aus Sicht dieses Landkreises demnach kein Problem.

Bauen mit Holz habe Potential und Tradition, beides erlebe gerade ein Comeback, so Deutschendorf. „Wir betreiben als Landkreis viele Liegenschaften und Verwaltungsgebäude, investieren weit über zehn Millionen Euro pro Jahr in Schulen. Und genau da sind wir gefragt, in der Praxis zu schauen, wo wir Holz einsetzen können“, sagt er und liefert zwei aktuelle Beispiele. Der 600 Quadratmeter umfassende Anbau eines Gebäudes in Willingen und die energetische Sanierung der Beruflichen Schulen in Korbach, die mit einer Holzfassade umgesetzt werden soll. „Die Ingenieure suchen nach der optimalen Variante, die muss wirtschaftlich sein und energetische Ansprüche erfüllen. Wann Holz eingesetzt werden kann, muss im Einzelnen geprüft werden“, sagt er.

Vorurteile könnten weiter abgebaut, aber auch Vorschriften und Auflagen überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht werden, die den Einsatz des Naturbaustoffes verhindern oder zumindest schwieriger machten, als die konventionellen. „Gerade in unserem Landkreis stehen der Wald und das Holz am Anfang einer langen Wertschöpfungskette, die durch Sägeindustrie, Weiterverarbeitungsbetriebe und traditionelles Handwerk geprägt werden und viele Arbeitsplätze geschaffen haben“, sagt der 39-jährige Deutschendorf. Der studierte Stadtplaner weiß, dass gute Ideen einzelner allein nicht ausreichen, um die Region zu stärken und Wirtschaftsförderung zu betreiben. „Wir können uns noch besser vermarkten, indem wir uns besser vernetzen und die Wirtschaftskreisläufe optimieren“, sagt er und dass er persönlich als Multiplikator für dieses Thema werben wolle. „Wir haben beim Landkreis Personen mit guten Ideen dazu, die sollten sichtbar gemacht und diskutiert werden.“

Für Deutschendorf ist Holz der Baustoff der Zukunft. Er würde ihn gern überall dort sehen, wo Qualität und Nachhaltigkeit gefordert werden, wie in Schulen oder Kindergärten. „Wir haben mit dem Holz einen nachwachsenden Rohstoff, der alle Eigenschaften beinhaltet, die für Klima- und Umweltschutz wichtig sind“, sagt er. Das müsse mehr ins Bewusstsein von Bauherren, Planern und Architekten rücken und in öffentlichen Bauvorhaben mehr Platz bekommen. In Schweden werden ganze Stadtgebiete aus Holz gebaut. Für den Stadtplaner Deutschendorf ist das auch ein Thema für Hessen. Historisch belegt ist, dass die Zimmerer als Holzhandwerker die Städte planten und bauten. Aus dem Holzhandwerk heraus haben sich die Planer-Berufe von heute entwickeln können. Damit waren und bleiben sie eng verbunden mit dem Handwerk und könnten auch die Zukunft des Holzbaus sichern.

 

Jens Deutschendorf

Jahrgang: 1977

Geburtsort: Bad Arolsen

Persönliche Beziehung zu Wald und Forst: Praktikum und Nebenjob im Handwerk, Heizen mit Brennholz.

 

Politisch: Mitglied Bündnis 90/Die Grünen

Beruflich: Dipl. Ing. für Stadtplanung (2005)

Referent für Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch

Erster Kreisbeigeordneter seit 2011

Im Holzbaucluster seit: 22.10.2015

 

Zitat: „Lieber Architekt, geht denn das auch in Holz?“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bestehende Angebote:

Noch keine – Schulungen wären ein guter Anfang

 

Forderung:

Netzwerk ausbauen

 

Engagement fürs HCH:

Dabei helfen, unsere Ingenieure zu überzeugen, dass Baustoff Holz eine Lösungsvariante sein kann, die stärker in den Fokus rücken sollte.

Seminare-Schulung.

 

Gespräche in Gang halten. Vernetzung zwischen den Akteuren, die gelegentlich mal an einem Tisch direkt über ihre Geschäftsbeziehungen sprechen. Gerüchte und Vorurteile aus dem Weg räumen.

 

 

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