Aus dem Holzbau

Dr.-Ing. Theodor Gesteschi

Aus "Der Holzbau" (1926)

Die ältere Zimmermannskunst hat Jahrhunderte hindurch im Hoch- und Tiefbau Tragwerke geschaffen, die heute noch die Bewunderung der Ingenieurwelt erregen.

Die von jeher an die Bau- und Handwerksmeister gestellte Aufgabe war, Bäume zu überspannen, sei es bei Hochbauten als Dächer und Decken, sei es im Ingenieurbau als Brücken.

Im ersteren Falle handelte es sich nur darum, Witterungseinflüsse abzuhalten, im letzteren Falle aber waren Verkehrswege über Flüsse und Einschnitte zu führen.

Die einfachste Form von Tragwerken zur Überdeckung von Räumen, die aus vorgeschichtlicher Zeit stammen, war das Balkenwerk, bestehend aus frei an den Enden aufliegenden Holzbalken; auch eingespannte und mehrfach unterstütze oder durchlaufende Balken wurden bereits verwendet.

Durch Schrägstellung der Stützen entstand das Sprengwerk und aus dem Dreiecksprengwerk durch Aufnahme des Schubes mittels eines untergelegten Spannbalkens die einfachste Form des Hängewerks, der Urform des heutigen Fachwerkbalkens.

Auch das Kragwerk dürfte in vorgeschichtlicher Zeit, wo der einfache Balken nicht mehr ausreichte und Stützen oder Sprengwerke nicht anwendbar waren, benutzt worden sein; denn in diesem Sinne ist das Kragwerk seit langem bei allen Völkerschaften verbreitet und zwar in Form der Gerberträger, oft in Verbindung mit einem Seilhängwerk.


Abb. 1. Seilhängwerkbrücke

Die Seile sind aus Weinreben gewunden; Weinreben verknüpfen auch die Hölzer untereinander. Der Kragbalken besitzt Gegengewichte aus Steinen, die in Körben aufgehängt sind. Die Steinpfeiler für die Kragbalken sind aus Felsstücken ohne Mörtel hergestellt.

Das hölzerne Sprengwerk hat schon frühzeitig eine hohe Ausbildung erfahren und wurde wahrscheinlich schon im grauen Altertum verwendet, sobald der einfache Balken bzw. Kragbalken für die nötige Spannweite nicht mehr ausreichte.

Bekannt sind die beiden hölzernen Jochbrücken, auf denen Cäsar 55 und 53 v. Chr. zwischen Köln und Koblenz mit seinen Legionen über den Rhein gegen Gallien zog.

Bei Trajans Donaubrücke, erbaut im Jahre 104 n. Chr. durch Apollodorus von Damaskus, wurde schon ein gut gegliedertes Bogensprengwerk von 36 m Lichtweite angewendet, so dass angenommen werden muss, dass eine allmähliche Entwicklung des hölzernen Sprengwerks vorangegangen ist.

Die alten Bauwerke wurden nur nach handwerksmäßigen Erfahrungen ausgeführt, woraus sich naturgemäß ein großer Aufwand an Baustoff ergeben musste, wenn die Bauwerke die gefühlsmäßige Sicherheit gewährleisten sollten.

Aus dem Altertum und Mittelalter sind keine Versuche zur Berechnung der Bauteile bekannt; die ersten Anfänge der Festigkeitslehre sind erst neueren Datums.

 

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